Verändert sich das Sinnerleben nach einer Nahtoderfahrung?

Qualitative Erforschung aus der Sicht von Betroffenen

  • Melanie Neumann
  • Teresa Gilsbach
  • Gabriele Lutz
Schlüsselwörter: Sinn, Sinnerleben, Nahtoderfahrene, Veränderung, qualitative Studie

Zusammenfassung

Die internationale, vor allem quantitative Forschung hat in den letzten Jahrzehnten schwerpunktmäßig die Auswirkungen von Nahtoderfahrungen (NTE) auf das nachfolgende Leben der Betroffenen, ihre persönlichen und beruflichen Werte untersucht. Allerdings liegen weder in Deutschland noch international Studien dazu vor, die sich fokussiert damit auseinandersetzen, ob und wie genau sich das Sinnerleben nach einer NTE verändert. Daher war es das Ziel dieser Untersuchung, Nahtoderfahrene mittels qualitativer Interviews zu befragen, um ein tiefergehendes Verständnis dieser komplexen Thematik zu ermöglichen. Die Daten von N=8 Teilnehmenden wurden mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse deduktiv ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass Nahtoderfahrungen teilweise erstmalig eine Sinnsuche auslösten, was zu einer Abnahme materieller und Zunahme ideeller Werte führte. Letzteres beeinflusste fast alle anderen Sinn- und Lebensbereiche der Teilnehmenden, wie etwa ihre Sinnquellen im Alltag, Lebensaufgabe/-bestimmung, Selbstfürsorge, soziale Begegnungen und den Sinn des Lebens. Zudem gaben die Teilnehmenden Empfehlungen für Menschen mit Sinnfragen. Ebenfalls enthält der Ergebnisteil eine introspektive Reflexion der Interviewerin zu den Auswirkungen der Studie auf ihr Leben. Trotz ihrer Limitationen gibt diese qualitative Studie einen inhaltsreichen Einblick in die Veränderung von Sinnerleben nach Nahtoderfahrungen und bietet so eine fundierte Basis für die zukünftige Forschung. Auch (Psycho-)Therapeutinnen und Therapeuten, Patientinnen, Patienten sowie „Sinninteressierte“ können wertvolle Anregungen und Hilfestellungen finden.

Autor/innen-Biografien

Melanie Neumann

Melanie Neumann, Priv.-Doz. Dr. rer. med., arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Witten/Herdecke, an der Professur für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Department Humanmedizin. Sie promovierte an der Universität zu Köln, Zentrum für Versorgungsforschung, zum Thema Empathie in der Arzt-Patienten-Beziehung. An der Universität Witten/Herdecke, Institut für Integrative Medizin, forschte sie schwerpunktmäßig zum Thema Empathieentwicklung im Medizinstudium. Danach arbeitete sie einige Zeit als Kunst- und Körpertherapeutin. Seit einigen Jahren forscht sie wieder unter anderem zum Thema Sinnfindung/-erleben anhand von Versorgungsforschungsstudien mit Psychotherapeuten, Psychotherapie- und chronischen/akuten somatischen Patienten sowie spirituellen/religiösen Menschen. Sie ist Herausgeberin der Sonderausgabe Methodological pluralism in health communication research der Zeitschrift Patient Education and Counseling.

Teresa Gilsbach

Teresa Gilsbach, B. Sc., studiert derzeit im Masterstudiengang Psychologie mit Schwerpunkt Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke, wo sie zuvor auch ihren Bachelor absolvierte. Ihre Interessen liegen insbesondere in der psychotherapeutischen Arbeit mit Menschen in Krisensituationen sowie in der psychosozialen Unterstützung von Kriminalitätsopfern. Seit drei Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich beim Weißen Ring, wo sie Betroffene nach traumatischen Erlebnissen begleitet, psychosoziale Unterstützung bietet und über weiterführende Hilfsangebote informiert. Im Rahmen dieses Engagements hat sie verschiedene Weiterbildungen zu Traumabewältigung, Gesprächsführung und Opferhilfe absolviert.

Gabriele Lutz

Gabriele Lutz, Prof. Dr. med., ist Neurologin und Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Sie leitet einerseits die Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke und hat andererseits die Professur für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke im Department Humanmedizin, inne. Biopsychosoziale Zusammenhänge haben sie bereits zu Beginn des Medizinstudiums interessiert. Die erlebte Minderversorgung von Patientinnen und Patienten bezüglich dieser Aspekte in der somatischen Medizin haben sie veranlasst, eine zweite Facharztausbildung in Psychosomatik zu machen. Nach Forschungsarbeiten zur Verbesserung psychosozialer Fähigkeiten von Studierenden hat sie sich dem Thema des Umgangs mit Sinnerleben in der somatischen Medizin und der Psychotherapie gewidmet, da trotz bekannter positiver Auswirkungen von Sinnerleben auf die Gesundheit im therapeutischen Umgang damit Entwicklungsbedarf besteht.

Veröffentlicht
2025-08-03