Des blinden Flecks Strahlkraft
Phänomenologie non-dualen Gewahrseins im alltagsweltlichen Geschehen – aus der „Nullte-Person-Perspektive“ eines Praktizierenden der Karma-Kagyü-Tradition
Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag untersucht das Phänomen des „Erwachens“, das als transformative Folge fortgeschrittener kontemplativer Praxis verstanden wird. Ausgangspunkt sind unveröffentlichte Exzerpte aus einem Gespräch mit dem tibetisch-buddhistischen Lama Tilmann Lhündrup Borghardt (TLB). Darin beschreibt er ein Erleben ohne Ich-Gefühl, bei dem Wahrnehmung, Handlung und Kommunikation nicht beeinträchtigt sind. Mithilfe eines Begriffsrahmens, der sich am Konzept der minimalen phänomenalen Erfahrung (MPE) orientiert, lässt sich dieses Phänomen derart erfassen, dass keine metaphysischen oder kulturspezifischen Annahmen importiert werden. Die Analyse identifiziert zwei konstitutive Merkmale: erstens die vollständige Abwesenheit phänomenaler Selbstzentriertheit und zweitens eine unverminderte, vertiefte Teilhabe am sensorischen und sozialen Geschehen. Somit erweist sich das „Erwachen“ nicht als Rückzug oder bloße Stabilisierung eines meditativen Zustandes, sondern als eine radikal offene, nicht-zentrierte Weise des In-der-Welt-Seins. Abschließend plädiert der Beitrag dafür, solche phänomenologischen Berichte als bedeutsame Quellen interdisziplinärer Bewusstseinsforschung zu behandeln, um Wege zu einer an der Erfahrung des „Erwachens“ orientierten, empirisch fundierten Phänomenologie zu eröffnen.
