Des blinden Flecks Strahlkraft

Phänomenologie non-dualen Gewahrseins im alltagsweltlichen Geschehen – aus der „Nullte-Person-Perspektive“ eines Praktizierenden der Karma-Kagyü-Tradition

  • Cyril Costines IGPP
Schlüsselwörter: non-duales Gewahrsein, minimale phänomenale Erfahrung (MPE), Erwachen

Zusammenfassung

Der vorliegende Beitrag untersucht das Phänomen des „Erwachens“, das als transformative Folge fortgeschrittener kontemplativer Praxis verstanden wird. Ausgangspunkt sind unveröffentlichte Exzerpte aus einem Gespräch mit dem tibetisch-buddhistischen Lama Tilmann Lhündrup Borghardt (TLB). Darin beschreibt er ein Erleben ohne Ich-Gefühl, bei dem Wahrnehmung, Handlung und Kommunikation nicht beeinträchtigt sind. Mithilfe eines Begriffsrahmens, der sich am Konzept der minimalen phänomenalen Erfahrung (MPE) orientiert, lässt sich dieses Phänomen derart erfassen, dass keine metaphysischen oder kulturspezifischen Annahmen importiert werden. Die Analyse identifiziert zwei konstitutive Merkmale: erstens die vollständige Abwesenheit phänomenaler Selbstzentriertheit und zweitens eine unverminderte, vertiefte Teilhabe am sensorischen und sozialen Geschehen. Somit erweist sich das „Erwachen“ nicht als Rückzug oder bloße Stabilisierung eines meditativen Zustandes, sondern als eine radikal offene, nicht-zentrierte Weise des In-der-Welt-Seins. Abschließend plädiert der Beitrag dafür, solche phänomenologischen Berichte als bedeutsame Quellen interdisziplinärer Bewusstseinsforschung zu behandeln, um Wege zu einer an der Erfahrung des „Erwachens“ orientierten, empirisch fundierten Phänomenologie zu eröffnen.

Autor/innen-Biografie

Cyril Costines, IGPP

Cyril Costines promoviert am Universitätsklinikum Freiburg und am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e. V. (IGPP) in Freiburg. Er verfügt über einen interdisziplinären Studienhintergrund im Bereich Philosophie-Neurowissenschaften-Kognition. Sein Forschungsinteresse gilt der phänomenologischen und neurophysiologischen Erforschung des Bewusstseins und seiner veränderten Zustände, die durch Meditation, Psychedelika oder sensorische Deprivation induziert werden. Der Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit liegt auf der theoretischen und empirischen Untersuchung reinen Gewahrseins, insbesondere im Kontext von Floatation-REST. Costines ist Mitglied des internationalen Forschungsnetzwerks zu Minimaler Phänomenaler Erfahrung (MPE). Er ist Mitbegründer von CIRCE e. V., einer gemeinnützigen Forschungsorganisation, die sich der systematischen Untersuchung veränderter Bewusstseinszustände widmet. Zudem ist er Mitinitiator des Contemplative Lab, einer bürgerwissenschaftlichen Initiative, die den Austausch zwischen Forschenden und Praktizierenden im Bereich Meditation fördert.

Veröffentlicht
2025-12-12