Predictive Processing
Eine neurowissenschaftliche Theorie und ihr Nutzen für das Verständnis von Meditation
Zusammenfassung
Der Beitrag beschreibt die zentralen Annahmen des Predictive Processing, einer aktuellen neurowissenschaftlichen Theorie mit großem Erklärungswert für eine Vielzahl psychischer Prozesse. Gemäß dieser Theorie sind Vorhersagen auf der Basis früherer Erfahrungen sowie Modelle von Selbst und Welt entscheidend für die Wahrnehmung und für die Steuerung des Verhaltens. Verschiedene Phänomene, die im Verlauf der Praxis von Meditation typischerweise auftreten, können vor dem Hintergrund dieser Theorie neu interpretiert und verstanden werden: (1) die Schwierigkeit, die Aufmerksamkeit nicht-wertend auf den gegenwärtigen Moment zu richten, (2) das Auftauchen belastender Erinnerungen und Gefühle bei der Besinnung auf sich selbst sowie (3) das intensive Erleben einer ungefilterten Wirklichkeit im Rahmen spiritueller Einheitserfahrungen. Für den Übungsweg der Meditation mit den Phasen von Selbstregulation, Selbstreflexion und Selbstrealisation bietet Predictive Processing somit eine übergreifende Theorie, die Schwierigkeiten verständlich macht und rationale Erklärungen liefert, in welcher Weise verschiedene Techniken jeweils das Gehirn und das Bewusstsein mit spezifischen Zielsetzungen verändern.
