Editorial

  • Liane Hofmann IGPP
  • Ulrich Ott IGPP
Schlüsselwörter: Editorial

Zusammenfassung

Liebe Leserinnen und Leser,

wir freuen uns, Ihnen mit dieser Ausgabe der Zeitschrift Bewusstseinswissenschaften verschiedene Perspektiven auf das Thema „Bewusstseinserweiterung“ zu präsentieren. Obwohl sich die Ansätze und Zugänge in den einzelnen Beiträgen unterscheiden, fügen sie sich in der Gesamtschau zu einem konsistenten Bild von den Möglichkeiten des Menschen zu erwachen, Erleuchtung zu finden und Erfahrungen von Non-Dualität zu realisieren, nicht nur in besonderen Momenten, sondern gerade auch im alltäglichen Leben.

Der humanistische Psychologe Abraham Maslow widmete sich in seinen Arbeiten der Beschreibung grundlegender menschlicher Bedürfnisse und Motive, die er in seinem Modell der Bedürfnishierarchie zusammenfasste. Lange Zeit stellte das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung − der Verwirklichung des eigenen Potenzials − die abschließende Stufe seines Modells dar. Kurz vor seinem Tod erweiterte Maslow diese Bedürfnishierarchie und postulierte ein Bedürfnis nach Selbsttranszendenz, im Sinne der Erfahrung einer Dimension, die das individuelle Selbst überschreitet. Während Maslow selbst diesen Erfahrungen nicht mehr weiter nachgehen konnte, wurde in den vergangenen Jahren eine Reihe von aktuellen Fallsammlungen zu säkularen und spirituellen „Erwachenserfahrungen“ generiert und einer wissenschaftlichen Analyse unterzogen. Hierzu gehören zum Beispiel verschiedene Interviewstudien, durchgeführt von Steve Taylor und Kollegen, die gezeigt haben, dass solche Erwachenserfahrungen gar nicht so selten sind, wie man annehmen könnte. Zu erwähnen ist hier auch das „Finders“-Projekt von Jeffrey Martin, eine internationale Onlinestudie zu „Erwachenserfahrungen“ und deren Verläufen. Aus dieser Studie sind ein Klassifikationssystem sowie Programme hervorgegangen, die den Anspruch erheben, Zustände optimalen Wohlbefindens innerhalb kurzer Zeiträume zu bewirken. Schließlich ist hier auch die umfangreiche Fallsammlung anzuführen, die im Rahmen des „Minimal Phenomenal Experiences“-Projekts von Thomas Metzinger und Kollegen fortlaufend erweitert und ausgewertet wird. Die Termini, unter denen derartige Erfahrungen beforscht werden, variieren: awakening experiences, persistent non-symbolic experiences, fundamental wellbeing, non-dual states, optimum health, optimum wellbeing, minimal phenomenal experiences, pure consciousness experiences und andere mehr. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen bewusstseinsmodulierende Praktiken mit dem Ziel einer tiefgreifenden Bewusstseinstransformation ausüben, werden wissenschaftlich fundiertes Wissen und professionelle Kompetenzen hinsichtlich derartiger Zustände, wie auch der mit solch tiefgreifenden Prozessen potenziell verbundenen Gefährdungen, zunehmend dringlicher. Die multidisziplinäre Erforschung solcher Erfahrungen und Zustände kann nicht nur wichtige Erkenntnisse hinsichtlich der Natur des Bewusstseins generieren, sie birgt auch bedeutsame entwicklungspsychologische, klinisch-psychologische und gesundheitspsychologische Implikationen. All dies hat uns dazu veranlasst, uns mit der Thematik der „weiteren Reiche der menschlichen Natur“ im Rahmen dieser Ausgabe einmal etwas näher zu befassen.

Im ersten Beitrag beschreibt Ulrich Ott eine moderne neurowissenschaftliche Theorie, das sogenannte „Predictive Processing“, und wie diese Theorie verschiedene Phasen des meditativen Weges und ihre jeweiligen Herausforderungen erklärt: Selbstregulation mittels fokussierter Aufmerksamkeit, Selbstreflexion durch offenes Gewahrsein und Selbstrealisation mithilfe non-dualer Meditationen beschreiben einen Weg von der Vielheit hin zur reinen Bewusstheit. Das „narrative“ Selbst wird auf diesem Weg schrittweise in die achtsame Wahrnehmung der Gegenwart geführt und von Konditionierungen befreit, um schließlich die Subjekt-Objekt-Trennung als Konstruktion des Geistes zu transzendieren. Der Beitrag illustriert, wie die in den spirituellen Traditionen beschriebenen Phänomene heutzutage wissenschaftlich modelliert und empirisch untersucht werden können.

Der darauffolgende Beitrag des Bewusstseinsforschers Cyril Costines vermittelt, basierend auf der Analyse eines Gesprächs mit dem tibetisch-buddhistischen Lama Tilmann Lhündrup Borghardt, einen unmittelbaren Einblick in die Phänomenologie und den prozessualen Verlauf von Erfahrungen non-dualen Gewahrseins aus der Nullte-Person-Perspektive. Das Spektrum der berichteten Erfahrungen reicht von ersten episodischen non-dualen Erwachenserfahrungen bis hin zur Etablierung eines stabilen, alltagsintegrierten Zustandes non-dualen Gewahrseins. Um einer Verzerrung der Befunde durch metaphysische oder kulturelle Vorannahmen vorzubeugen, verwendet der Autor für die Analyse einen phänomenologisch reduzierten Begriffsrahmen, der sich am Konzept der minimalen phänomenalen Erfahrung orientiert. Obschon derartige Zustände in den kontemplativen Traditionen der Welt schon seit vielen Jahrhunderten beschrieben und kultiviert wurden, fanden sie in den akademischen Disziplinen bislang noch kaum Beachtung. Costines diskutiert die wissenschaftsinhärenten Ursachen dieser Marginalisierung und plädiert für die Etablierung zukünftiger Forschungsfelder wie „Awakening Studies“ oder „Erwachensforschung“, um dem bisherigen Defizit in diesem zentralen Bereich menschlichen Erlebens zu begegnen.

Dennis Johnson stellt in seinem Artikel den Ansatz der mühelosen Achtsamkeit des US-amerikanischen Psychologen und Meditationslehrers Loch Kelly vor, dessen Wurzeln in den Lehren der non-dualen Traditionen des tibetischen Buddhismus liegen. Dabei handelt es sich um eine Synthese aus den Wissensbeständen und Praktiken einer jahrhundertealten kontemplativen Tradition unter Einbeziehung moderner neurowissenschaftlicher Erkenntnisse und psychologisch-psychotherapeutischer Perspektiven. Loch Kellys Arbeit ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie die Wissensbestände und Praktiken einer kontemplativen Tradition in eine moderne, zeitgemäße Sprache überführt werden können, um sie für zeitgenössische Praktizierende zugänglich und wissenschaftlich anschlussfähig zu machen. Johnson lässt uns die angestrebte Abfolge vom Alltagsgeist bis hin zur Erfahrung und stabilen Verankerung im Einheits- und Herzgeist nachvollziehen und erläutert die prägnanten Unterschiede dieses Ansatzes zu den derzeit populären achtsamkeitsbasierten Ansätzen, wie sie im Umfeld von Jon Kabat-Zinn entstanden sind.

Eine weithin unbekannte, aber sehr potente Methode zur Entwicklung von Meta-Bewusstheit ist die Meditation mit den Tafeln von Chartres. Unser Autor George Pennington hat über Jahrzehnte selbst mit den Tafeln gearbeitet und viele Menschen in die Praxis eingeführt. Sein Erfahrungsbericht gibt ein lebendiges Zeugnis, wie durch die besondere, „schielende“ Fixierung der Augen auf die Tafeln und ein virtuelles, im Raum schwebendes Bild die Vorgänge im eigenen Geist studiert werden und in die Tiefe führen können. Unser Tipp: Falls Sie die Tafeln noch nicht kennen, probieren Sie die Methode unbedingt selbst aus und lassen Sie sich überraschen, wie Ihr Gehirn die Farben der Tafeln wechseln lässt oder am Ende zu einer neuen Farbe mischt.

Die enge Verbindung zwischen Spiritualität und Psychotherapie wird im ausführlichen Interview mit Christian Meyer deutlich. Es handelt sich aus unserer Sicht um ein wertvolles Zeitzeugnis, das einen weiten Bogen spannt von der Entwicklung der Psychotherapieschulen bis zur heutigen spirituellen Szene. Christian Meyer beschreibt auch seinen eigenen Ansatz, Menschen auf dem Weg zu einer nachhaltigen Bewusstseinstransformation zu begleiten. Er zeigt deutliche Parallelen zu den Lehren christlicher Mystiker auf und plädiert leidenschaftlich dafür, die abendländische Tradition der Erleuchtung in der Gegenwart neu zu entdecken und wiederzubeleben.

Abschließend stellen wir Ihnen eine Reihe von Netzwerken und Forschungsinitiativen vor, die sich für die Förderung einer Kultur des Bewusstseins engagieren.

Wir wünschen Ihnen eine erkenntnisreiche und inspirierende Lektüre!

Liane Hofmann und Ulrich Ott

Veröffentlicht
2025-12-12