Editorial
Zusammenfassung
Liebe Leserinnen und Leser,
ich freue mich, Ihnen die Ausgabe 1/2025 der Zeitschrift Bewusstseinswissenschaften Transpersonale Psychologie und Psychotherapie vorstellen zu dürfen.
Die aktuelle Ausgabe wird eröffnet durch ein Interview mit dem Psychologen David Lukoff. Es ist inhaltlich dem vorausgegangenen Themenschwerpunktheft „Spirituelle und meditationsinduzierte Krisen“ zuzuordnen und bildet dessen Abschluss. David Lukoff ist emeritierter Professor der Psychologie an der Sofia University in Palo Alto, Kalifornien, und Mitinitiator der DSM-IV- und DSM-5-Diagnosekategorie „Religiöses oder Spirituelles Problem“. Er gilt als einer der renommiertesten Psychologen aus dem US-amerikanischen Raum in Hinblick darauf, dass er die Themenfelder spirituelle Krisen, spirituelle und religiöse Probleme sowie die Entwicklung von spirituellen Kompetenzen unter klinisch Praktizierenden im psychologischen Mainstream vorangetrieben und salonfähig gemacht hat. Auch war er von 2001 bis 2015 Co-Präsident der Association for Transpersonal Psychology. In diesem Gespräch lässt er die Leserinnen und Leser teilhaben, wie diese Themenstellungen zunächst im Umfeld der transpersonalen Psychologie in den Blick gerückt wurden und im Verlauf der Jahrzehnte dann sukzessive Eingang in den psychologischen Mainstream gefunden haben. Diese originären, richtungsgebenden Impulse aus dem Umfeld der transpersonalen Psychologie werden in der aktuellen Darstellung der genannten Themenbereiche leider nur allzu oft unterschlagen. Das Interview ist nicht zuletzt auch ein wertvolles Zeitdokument einer sicherlich herausfordernden, aber zugleich auch erfüllenden beruflichen Karriere im Umfeld der transpersonalen Psychologie, die reiche Früchte getragen hat.
Das Autorinnentrio Melanie Neumann, Teresa Gilsbach und Gabriele Lutz von der Universität Witten/Herdecke berichtet die Befunde einer qualitativen Studie zur Frage, ob und wie genau sich das Sinnerleben nach einer Nahtoderfahrung verändert. Im Rahmen einer Bachelorarbeit wurden hierfür acht Nahtoderfahrene ausführlich zum Thema befragt. Die Frage nach der Natur von Nahtoderfahrungen und deren weltanschaulichen Implikationen genießt seit ihren Anfängen mit Raymond Moody in den 1970 Jahren ein anhaltendes wissenschaftliches Interesse. Es verwundert nicht, dass dieses Thema auch auf ein breites öffentliches Interesse stößt, sind doch viele Menschen fasziniert von der außergewöhnlichen, psychospirituellen Phänomenologie solcher Erfahrungen, die die dominierenden wissenschaftlich-materialistischen Deutungsmodelle infrage zu stellen und das In-Betracht-Ziehen von alternativen Wirklichkeitsmodellen nahezulegen scheint. Was den transformativen Charakter solcher Erfahrungen angeht, so zeigen die Befunde dieser Studie, dass Nahtoderfahrungen fast alle Sinn- und Lebensbereiche der Teilnehmenden beeinflussten. Zusätzlich wurden die Teilnehmenden zu ihren hieraus erwachsenen Empfehlungen für Menschen mit Sinnfragen befragt. Schließlich enthält der Ergebnisteil auch eine introspektive Reflexion der Interviewerin zu den Auswirkungen der Studie auf ihr eigenes Leben. Eine interessante zusätzliche Perspektive, die in der Forschung zu den Themenfeldern der transpersonalen Psychologie und der außergewöhnlichen Erfahrungen systematischer miteinbezogen werden sollte.
Die jungianische Analytikerin Patrizia Heise befasst sich in ihrem Beitrag mit der menschengemachten ökologischen Krise und der stetig fortschreitenden Zerstörung der Lebensgrundlagen auf unserem Planeten, die tagtäglich in Form von immer neuen, verstörenden Nachrichten auf sich aufmerksam machen. Sie geht dabei der viel diskutierten Frage nach, welche psychologischen Einflussfaktoren dazu beitragen, dass wir als einzelne Individuen wie auch die Menschheit als Ganzes nicht in der Lage sind, diesen Trend aufzuhalten und in einer weiseren und verantwortungsvolleren Form mit dem Planeten umzugehen, der uns anvertraut ist. Dabei nimmt sie Anleihen bei C. G. Jung, dem Schweizer Begründer der analytischen Psychologie, der Krisen und Entwicklungen dieser Art schon früh vorausgeahnt hatte. Deren Wurzeln sah Jung in der zunehmenden Entfremdung des Menschen von seinem inneren Wesen und der Natur, bedingt durch die stetig fortschreitende Technisierung. Auch stellte Jung, wie viele zeitgenössische Autoren, bereits zu seiner Zeit fest, dass die seelische und geistige Entwicklung der Menschen hinter dem schnell voranschreitenden technischen Fortschritt zurückzubleiben scheint. Vor allem eine Besinnung auf das „vergessene Wissen“ um die Verbundenheit aller Dinge hielt er für „not-wendend“. Die Autorin macht deutlich, dass eine Änderung der Situation allein durch eine entsprechende innere Transformation im Sinne eines tiefgreifenden Bewusstseinswandels gelingen kann. Hieran knüpfen auch moderne Ansätze wie die Tiefenökologie an, mit Autorinnen und Autoren wie Joanna Macy und Charles Eisenstein, die die Klimakrise als initiatische, psychologisch-spirituelle Krise verstehen und zu einer inneren Transformation aufrufen − hin zu einer größeren Verbundenheit mit dem Netz des Lebens.
Der Systemaufsteller Harald Homberger befasst sich in seinem Beitrag mit den transpersonalen Aspekten in der phänomenologisch-systemischen Aufstellungsarbeit, wobei „transpersonal“ in diesem Zusammenhang verstanden wird „als eine Zeit und Raum überschreitende bewusste Wahrnehmung von Verbundenheit mit Personen und Ereignissen, die über eine rein personale Wahrnehmung hinausgeht.“ Die meisten von uns haben wohl schon von den sehr eindrücklichen und verblüffenden Informationen und Erfahrungen gehört, die im Rahmen einer solchen Systemaufstellung auftauchen und in unerwartete heilsame Lösungen einer Thematik münden können. Beruhend auf seiner langjährigen Aufstellungspraxis beschreibt der Autor eine Reihe von exemplarischen Beispielen verschiedener transpersonaler Bewusstseinserfahrungen in der Aufstellungsarbeit. In welcher Verbindung die in der Aufstellung auftauchenden transpersonalen Erfahrungen und „Informationen“ mit den tatsächlichen Gegebenheiten der Referenzsituation bzw. -struktur stehen, die sie „widerspiegeln“, ist eine wissenschaftlich noch weitgehend ungeklärte Frage. Was jedoch deutlich wird, ist, dass solche repräsentierenden Wahrnehmungen in der Aufstellungsarbeit, die die Grenzen von Raum und Zeit überschreiten, eine ganze Reihe von zentralen Fragen aufwerfen und daher der weiteren wissenschaftlichen Erforschung bedürfen. Fallbeispiele der hier vorgestellten Art können hierfür eine wichtige Grundlage bilden.
Der hierauf folgende Beitrag wurde verfasst von Dr. Werner Huth, der am 2. März 2025 im Alter von 95 Jahren im Kreise seiner Familie friedlich verstorben ist. Werner Huth war ein äußerst begabter, vielseitiger und engagierter Mensch, Psychiater, Psychotherapeut und Meditationslehrer, der sich zeit seines Lebens für den Dienst am Menschen und an der Schöpfung eingesetzt hat. Bis ins hohe Alter war er geistig rege und hat diesen Artikel nur wenige Monate vor seinem Tod noch bei uns eingereicht. Wir behalten ihn in sehr dankbarer Erinnerung. Seit Bestehen dieser Zeitschrift hat er unsere Leserschaft immer wieder durch sein großes Spektrum an therapeutischen, philosophischen und persönlichen Einsichten bereichert. Im vorliegenden Artikel fasst er einige Grundgedanken aus der kürzlich erschienenen aktualisierten und erweiterten Neuausgabe des Bandes Glaube, Ideologie und Wahn: Der Mensch zwischen Realität und Illusion zusammen. Der neu aufgelegte Band ist zeitlos und leistet gerade in einer Zeit, in der religiöser Fundamentalismus und Verschwörungstheorien neu an Boden zu gewinnen scheinen, einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs. Einen Nachruf auf Dr. Werner Huth finden Sie hier: https://martin-balle.de/ein-nachruf-auf-dr-werner-huth
Die Psychosynthese-Therapeutin und Künstlerin Susan Holliday weist in ihrem Beitrag auf die Bedeutsamkeit einer spezifischen Art der Aufmerksamkeit in der therapeutischen Arbeit hin. Sie benennt diese Art der Aufmerksamkeit als „kreatives Schauen“ und umschreibt dies in Anlehnung an die Naturdichterin Nan Shepherd wie folgt: „Das Auge sieht, was es vorher nicht gesehen hat, oder sieht auf eine neue Art und Weise, was es bereits gesehen hat.“ Die Autorin lässt uns nachvollziehen, womit wir es bei diesem kreativen Schauen zu tun haben und warum diese Qualität der Aufmerksamkeit, die den Kern der subtilen und lebensverändernden therapeutischen Arbeit bildet, zutiefst transformativ ist. Die Autorin ist überzeugt: Der Modus des kreativen Schauens kann uns etwas Grundlegendes lehren, nicht nur als Zugangsweise in der Psychotherapie, sondern generell in Zeiten des Aufbruchs, wenn die alten Vorstellungen vom Leben versagen und wir grundlegend neue Perspektiven benötigen.
Ich wünsche Ihnen wie immer eine inspirierende und erkenntnisreiche Lektüre!
Liane Hofmann
